BOOM und unser Sohn Aari war da!

Boom und unser Sohn Aari war da nach einer unerwarteten Wendung in meiner Schwangerschaft und darauf folgenden Notfallkaiserschnitt in der Woche 32/6. Nie hätte ich mir vorstellen können, dass ich eine von diesen 5-8% an Frauen bin, welche eine Präeklampsie (Schwangerschaftsvergiftung) erfahren würde. Ich kannte weder das Wort Präeklampsie, noch Gestose, noch HELLP-Syndrom und auch die Bezeichnung der Vorboten Hypertonie und Proteinurie nicht.

Wassereinlagerungen haben ca. 80% aller Schwangeren und die plötzliche Unruhe mitten in der Nacht schob ich auf die unbequeme linke Seitenlage. Das mein Gesicht in den letzten Tagen vor Einweisung ins Spital am Morgen sehr verquollen und geschwollen war erklärte ich mir ebenfalls mit meiner seitlichen Schlafhaltung. Kurzatmigkeit ist auch etwas das viele Frauen in der Schwangerschaft erleben und ich schob es auf meine Wassereinlagerungen und dem schwindenden Platz in meinem Oberkörper generell. Das ich nach einem Tag Arbeit mit den Hunden, viel Bewegung an der frischen Luft am Abend um 20h einfach nur noch müde war, ist an sich auch nichts sonderbares oder?

Die Routine-Kontrolle bei meinem Frauenarzt am 26.02.2018 schockte mich und Christian zutiefst! Frau Jäggi sie müssen sofort ins Spital, sie haben hohe Proteinwerte im Urin, einen viel zu hohen Blutdruck und eine übermässige Ödementwicklung. Waaassss? Wie kann das sein? Meine Werte waren immer einwandfrei…nicht gar keine Auffälligkeiten sondern sie wurden als perfekt betitelt und jetzt Spital? Fassungslos, unter Tränen verliessen wir die Praxis und gingen nach Hause um zu packen und dann zurück nach Interlaken ins Spital einzurücken. Wenn ich etwas an meinem werten Gynäkologen schätze, dann ist es seine gradlinige Ehrlichkeit. Er sagte mir in seiner Praxis eigentlich schon alles was ich wissen musste und dies in nur 3 Sätzen: Frau Jäggi sie sind an einer Gestose und wir müssen sie sofort in Spital einliefern. Es gibt keine Heilung für diese Symptome, wir können sie nur stabilisieren und ihre Werte genau beobachten um ihrem Kind Zeit zu verschaffen. Heute Abend beginnen wir sofort mit der Lungenreifung ihres Sohnes mit Kortison und je nach Verlauf ihrer Werte werden wir sie ins Inselspital Bern verlegen und sie müssen mit einem Notkaiserschnitt rechnen. BOOM und ich wusste Bescheid.

Im Spital begann dann die endlose Blutabzapferei, die Magnesiuminfusionen (welche meinen Zustand stabilisierte) regelmässige Blutdruck-, Urin-, Gewichts- und Ödemkontrolle und ich musste liegen und durfte mich nicht zu viel bewegen weil sonst mein Blutdruck durch die Decke ging. Geschlafen habe ich nicht mehr viel. Auch hatte ich zweimal eine heftige Angstattacke, heulte wie eine Wölfin die ihrem Rudel ruft weil sie da ganz alleine in diesem Zimmer eingesperrt war und hatte riesige Schuldgefühle meinem Kind gegenüber. Ich wollte mein Baby doch noch lange Beherbergen im geschützten Mutterbauch und ihm die Zeit geben welche er für seine Reifung brauchte. Wir hatten gerade mal die 32 Woche und ein paar Tage hinter uns und das einzige was mir nun übrig blieb war diese Krise emotional auf die Reihe zu bringen und nicht im Geheule hängen zu bleiben. Der Geburtsvorbereitungskurs, welcher Christian und ich Anfang Dezember besucht hatten half mir da sehr, denn wir bereiteten uns dort auch auf das Unvorhergesehene (WorstCase) bewusst vor und gaben Krisenszenarien ihren Raum.

Nach 3 Tagen Spitalaufenthalt wusste ich, dass ich vor der Geburt meines Kindes nicht mehr nach Hause kommen werde. Ärzte und Pflegepersonal taten alles um mich nicht zu beunruhigen aber ich bin gut im Beobachten und zwischen den Zeilen lesen. Am Donnerstag, 1. März im grössten Schneesturm und Strassenchaos wurden Aari und ich mit der Ambulanz ins Inselspital Bern gefahren. Nach den ersten Ärztevisiten rief ich Christian an und sagte ihm er solle unsere Hunde zu meiner Mutter bringen und nach Bern kommen. Sie sagen einem nicht wann man quasi „fällig“ ist mit dem Notkaiserschnitt aber ich wusste und fühlte, dass es am Freitag, dem 2. März über die Bühne gehen wird. Als dann spät Abends noch einer der Präeklampsie-Päpste der Schweiz, Prof. Luigi Raio,  mich besuchte und die Aussage machte: „Frau Jäggi bei ihnen sind wir nun im Modus: „Gewehr bei Fuss“ , versuchte ich mich in der kurzen Zeit die mir noch blieb emotional zuversichtlich und bejaend auf die Operation auszurichten.  Dies funktionierte gut und am Freitag Morgen waren Aari und ich im reinen mit unserer Situation und übergaben uns an die Mediziner im vollsten Vertrauen.

Das ich jemals meinen ganz persönlichen Grey’s Anatomy Film erleben würde war definitiv eine Überraschung. Die Stimmung im OP war heiter, ja sogar fröhlich. Ein 8 köpfiges Frauenpowerteam tat was notwenig war und sie betreuten uns in einer Art und Weise, dass ich nichts negatives über meine Notkaiserschnitt-Erfahrung berichten kann und kein Traumata davon getragen habe von diesem Event. So ein Kaiserschnitt geht sehr schnell. Alle sagten mir immer es werde schnell gehen aber dermassen blitzschnell? Irgendwie sureal wenn man nichts spürt und BOOM dein Baby schreit, dann bringen sie dir dein Kind für den ersten Kuss (Begrüssung) und BOOM ist es weg und wird sogleich untersucht, an Sonden und Monitore angeschlossen um es zu überwachen. In dieser Zeit machten sie mich, wie Ärzte das ausdrücken „ZU“ und ich wurde wieder auf mein Krankenbett gehievt um dann zu meinem Aari gerollt zu werden.

Dann kam der wunderschöne Augenblick, als das Neonatologie-Team meinen verkabelten aber gesunden Sohn eine halbe Stunde auf meinen Oberkörper „Känguruhen“ liesen. Glücklich, irgendwie benommen und gleichzeitig bereits die ganze vergangene Woche vergessend genossen wir dieses 1610 Gramm schwere und 40cm grosse Wunder. Diesen Augenblick werden wir sicher niemals vergessen und ewig dankbar dafür sein.

Warum ich mich entschieden habe über dieses Erlebnis in meinem Blog zu schreiben? Es ist wie eine Therapie für mich und hilft mir das Erlebte zu ordnen, positiv zu manifestieren und über das Unerwartete und Nichtgewollte hinweg zu kommen! Mein Sohn wäre immer noch in meinem mittlerweile sicherlich riesigen Bauch und sein offizieller Geburtstermin wäre der 21. April 2018.

In dem Sinne:

Herzlich Willkommen kleiner Aari im Dognessrudel. Wir platzen vor Stolz auf deine Kämpfernatur und lieben Dich unendlich und für immer und ewig!